In Lukas 5,1–7 lesen wir, dass Jesus Petrus und Andreas am See Genezareth berief, als sie gerade beim Fischen waren. Doch in Johannes 1,35–42 scheint es, als hätten sie Jesus bereits früher kennengelernt, als sie noch Jünger von Johannes dem Täufer waren. Widerspricht sich die Bibel hier?
Nein. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Ereignisse im Leben von Petrus und Andreas. Die Evangelien widersprechen sich nicht, sondern ergänzen einander. Jeder Evangelist setzt eigene Schwerpunkte – historisch wie auch theologisch. Wenn wir die Berichte im Zusammenhang lesen, erkennen wir eine klare und harmonische Abfolge.
Hier wird die erste persönliche Begegnung von Andreas und Petrus mit Jesus beschrieben:
„Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger.Und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. …Andreas aber, der Bruder des Simon Petrus, war einer von den zweien, die es von Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren.Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.Und er führte ihn zu Jesus.“(Johannes 1,35–42; Lutherbibel 2017)
An diesem Punkt beginnt ein persönliches Interesse an Jesus. Andreas – und vermutlich auch Johannes selbst – folgen Jesus zunächst aus innerer Überzeugung. Andreas bringt daraufhin seinen Bruder Simon zu Ihm.
Doch hier geht es noch nicht um eine endgültige Berufung in den Dienst. Es ist der Anfang einer Beziehung, das erste Erkennen, wer Jesus ist.
Später begegnet Jesus ihnen erneut – diesmal während ihrer Arbeit als Fischer:
„Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth …Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte …Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen.“(Lukas 5,1–6; Lutherbibel 2017)
Nach diesem Wunder spricht Jesus:
„Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.“(Lukas 5,10b–11; Lutherbibel 2017)
Hier geschieht der entscheidende Wendepunkt. Jetzt geht es nicht mehr nur um ein erstes Kennenlernen, sondern um verbindliche Nachfolge. Petrus und Andreas lassen ihre Netze zurück – ein starkes Zeichen völliger Hingabe.
Das Johannesevangelium zeigt uns den Beginn ihres Glaubens – die erste Begegnung mit Jesus.Das Lukasevangelium beschreibt ihre konkrete Berufung in den Dienst.
Diese zweistufige Entwicklung ist typisch für Gottes Handeln:
Gott bereitet Menschen vor, bevor Er sie in eine besondere Aufgabe ruft (vgl. Mose in 2. Mose 2–3 oder Paulus in Apostelgeschichte 9).
Jüngerschaft beginnt mit einer persönlichen Beziehung und führt zu einem klaren Auftrag.
Es liegt also kein Widerspruch vor, sondern eine geistliche Entwicklung:Zuerst lernen sie Jesus kennen – später verlassen sie alles, um Ihm ganz nachzufolgen.
Auch heute beginnt der Weg mit Christus oft mit einer ersten Begegnung, wächst durch Beziehung und mündet schließlich in eine bewusste Entscheidung zur Hingabe.
„Amen, komm, Herr Jesus!“(vgl. Offenbarung des Johannes 22,20; Lutherbibel 2017)
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