Paulus’ tiefer Kummer verstehen
Um zu verstehen, was Paulus meint, lesen wir Römer 9,1–5:
1 Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht; mein Gewissen bezeugt mir im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und beständiges Leid in meinem Herzen habe. 3 Ich könnte sogar wünschen, selbst von Christus verflucht zu sein zugunsten meiner Brüder, meiner eigenen Leute nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bündnisse, das Gesetz, der Gottesdienst und die Verheißungen gehören; 5 von denen die Väter sind, und aus denen nach dem Fleisch Christus hervorging, der über allem ist, der ewige Gott, gepriesen in alle Ewigkeit. Amen.
In Vers 3 verwendet Paulus das griechische Wort anathema, übersetzt mit „verflucht“, was bedeutet, für die Zerstörung bestimmt zu sein – völlige Trennung von Christus. Hier zeigt Paulus eine tiefe emotionale Belastung: Er wäre bereit, selbst ewige Trennung von Christus zu erleiden, wenn dies die Rettung seiner Mit-Israeliten bedeuten würde.
Es handelt sich dabei nicht um eine theologische Aussage, dass ein solcher Stellvertretungsopfer tatsächlich möglich ist, sondern um einen Ausdruck selbstloser, herzlicher Liebe.
Gnade und Rettung verstehen
Paulus sagt nicht, dass jemand für einen anderen verdammt werden kann. Die Bibel ist klar:
„Die Seele, die sündigt, die wird sterben.“ – Ezechiel 18,20
„Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch – Gottes Gabe ist es.“ – Epheser 2,8
Paulus zeigt hier eine Christus-ähnliche Liebe, die das eigene Opfer Jesu widerspiegelt. Es erinnert an Moses’ Gebet in Exodus 32,32:
„Wenn du nun ihre Sünde vergeben willst – wenn nicht, so lösche mich aus deinem Buch, das du geschrieben hast.“
Sowohl Moses als auch Paulus zeigen die Tiefe gottesfürchtiger Liebe – die Bereitschaft, Schmerz für andere zu tragen, selbst wenn es praktisch unmöglich ist.
Warum war Paulus so betrübt?
Paulus wusste, dass das Evangelium ursprünglich den Juden verkündet wurde. Jesus selbst sagte:
„Ihr verehrt, was ihr nicht kennt; wir wissen, was wir verehren, denn das Heil kommt von den Juden.“ – Johannes 4,22
Als jedoch die Mehrheit der Juden Christus ablehnte, wurde das Heil den Heiden zugänglich. Paulus erklärt dies in Römer 11,11:
„Durch ihren Fall ist das Heil den Heiden zuteilgeworden, um sie eifersüchtig zu machen.“
Das bedeutet, dass die Heiden, die einst außerhalb des Bundes standen, nun eingeschlossen wurden:
„Damals wart ihr ohne Christus, fremd dem Bürgerrecht Israels und ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt.“ – Epheser 2,12 „Jetzt aber seid ihr in Christus Jesus, die ihr einst fern wart, nahegebracht durch das Blut Christi.“ – Epheser 2,13
Während die Heiden einst „abgeschnitten“ waren, empfangen sie nun Gnade. Ironischerweise wurden viele Juden aufgrund ihres Unglaubens „abgeschnitten“.
Gottes Souveränität und menschliche Verantwortung
Paulus erklärt in Römer 11,30–31:
30 Denn wie ihr einst ungehorsam wart gegenüber Gott, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt durch ihren Ungehorsam, 31 so sind auch diese nun ungehorsam geworden, dass sie durch die Barmherzigkeit, die euch erwiesen wurde, auch Barmherzigkeit erlangen.
Dies zeigt einen wichtigen theologischen Punkt: Gottes Barmherzigkeit wirkt sogar durch menschliche Ablehnung – nicht, weil Ablehnung gut wäre, sondern weil Gottes Plan nicht vereitelt werden kann. Er kann selbst Rebellion nutzen, um anderen Gnade zu schenken.
Kann Paulus’ Wunsch Realität werden?
Nein. Paulus’ Aussage ist emotional und liebevoll, aber nicht theologisch möglich. Niemand kann seine eigene Rettung für jemand anderen aufgeben. Rettung ist keine Transaktion zwischen Menschen, sondern eine persönliche Beziehung zu Gott durch den Glauben an Christus.
„Die Gerechtigkeit des Gerechten liegt auf ihm selbst, und die Bosheit des Gottlosen liegt auf ihm selbst.“ – Ezechiel 18,20
Paulus zeigt uns die Tiefe christlicher Mitmenschlichkeit – ein Herz, das Jesu Bereitschaft widerspiegelt, für Sünder zu sterben. Wie Christus wünschte Paulus das Heil anderer, selbst wenn es ihn alles kosten würde.
Eine persönliche Reflexion
Wenn Paulus eine solche Last für andere empfand, sollten wir uns fragen:
Hast du diese Gnade empfangen?
Wenn du Christus noch nicht kennst, zögere nicht. Dir wird dieselbe Barmherzigkeit angeboten, die einst Israel galt und nun alle Nationen umfasst.
Wir leben in den letzten Tagen, und die Zeichen um uns herum deuten auf die baldige Rückkehr Christi hin. Seine Arme sind jetzt geöffnet – aber das wird nicht immer so sein.
„Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.“ – 2. Korinther 6,2
Möge der Herr dein Herz für Seine Gnade öffnen. Amen.
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